Re: Brillenunverträglichkeit seit über 20 Jahren


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Abgeschickt von Wilhelm Happe am 01 Januar, 2001 um 21:32:05

Antwort auf: Brillenunverträglichkeit von Helga B. am 01 Januar, 2001 um 18:06:19:

Sehr geehrte Frau Büscher,

es ist ja kaum zu fassen, daß Sie so lange gelitten haben. Ich weiß genau, daß jedes Wort Ihrer Schilderung ganz genau den tatsächlichen Sachverhalt beschreibt! Bei genauem Zuhören bzw. Lesen glaube ich die Ursache Ihrer Problematik verstanden zu haben. Was ich im Folgenden schreibe, mag sich etwas technisch anhören. Aber es ist in der Tat so, daß Ihre Beschwerden ganz wissenschaftlich rational zu erklären sind. Helfen kann man Ihnen übrigens auch.

Die Ursache für die Schmerzen mit den vermutlich eigentlich richtigen Brillenwerten, liegt sehr wahrscheinlich in einer Kompensationsleistung der Augen, die den Fachbegriff "akkommodative Konvergenz" trägt. Um das richtig zu verstehen, muß ich weiter ausholen:
Das beidäugige Sehen macht es notwendig, daß der Mensch für das Scharfsehen in der Nähe beide Augen gleichzeitig nach innen bewegen muß. Der Vorgang heißt Konvergenz. Gleichzeitig erfolgt eine stärkere Verkrümmung der eigenen Augenlinse. Diesen Vorgang nennt man Akkommodation. Gleichzeit erfolgt noch eine Pupillenverengung, was hier nebensächlich ist. Alles zusammen nennt man aber "Nahreaktion", also Akkommodation, Konvergenz und Pupillenverengung. Dieser Mechanismus funktioniert auch bei Menschen die kein, oder ein nur schwach ausgeprägtes beidäugiges Sehen haben.

Nun ist es so, daß fast kein Mensch eine optimale Augenstellung hat. Das heißt die Mehrzahl aller Menschen hat eine Neigung zum Schielen. Das ist gut verständlich, wenn man bedenkt, daß die Augenmuskeln nicht bei allen Menschen haargenau die passende Länge, den optimalen Innervationszustand, das genau passende Gleichgewicht in der Stärke der Gegenspieler usw. haben werden. In der Regel wird aber kein Schielen sichtbar, weil das Gehirn ja ständig eine Kontrolle ausübt und den Innervationszustand der Augenmuskeln augenblicklich nachreguliert, so daß beide Augen immer schön das gleiche Bild wahrnehmen. Für die Ausführung dieser Regulation hat das Gehirn allerdings vergleichsweise wenige Möglichkeiten. Patienten, die zu einem Außenschielen neigen, müssen zur Korrektur eine Konvergenz durchführen. Dafür gibt es nur 2 Möglichkeiten, nämlich eine sogenannte tonische Konvergenz und die oben beschriebene akkommodative Konvergenz. Als tonische Konvergenz bezeichnet man die Möglichkeit, beide Augen gleichzeitig nach innen zu bewegen, ohne daß gleichzeitig eine Anspannung des Ziliarmuskels erfolgt, der die Linse verkrümmt. Also Konvergenz ohne Akkommodation. Bei manchen Patienten reicht das aber nicht und bei Ihnen erfolgt - ohne daß sie etwas dazu können - auch eine Akkommodation. Also in der Realität sind die Grenzen zwischen tonischer und akkommodativer Konvergenz fließend.

So! Sie werden sich jetzt fragen, was das alles mit Ihnen zu tun hat. Das Tückische ist, daß nun bei Patienten, bei denen dieser Kompensationsmechanismus erfolgt, ganz verschiedene Symptome entstehen können.
1. Es kann sein, daß die Patienten überhaupt nicht schielen und auch keine Neigung zu einer Schielstellung mit herkömmlichen Mitteln feststellbar ist. Die Kompensation funktioniert eben - aber mit Kopfschmerzen!
2. Es kann sein, daß eine Neigung zum Innenschielen oder sogar zeitweise ein richtiges Innenschielen auftritt, weil die Kompensation (unbewußt) so anstrengend ist, daß sie schon krampfartigen Charakter hat. Ursache ist trotz feststellbarem Innenschielen oder Neigung zu Innenschielen ein Außenschielen, das nie sichtbar wird! Es ist leider schon vorgekommen, daß solche Patienten wegen Innenschielen operiert wurden, wodurch natürlich alles eher schlimmer wurde.
3. Die Neigung zu Außenschielen ist mit herkömmlichen Mitteln nachweisbar. Nur diese Patienten gelangen weitgehend ohne Umwege zur richtigen Therapie.

Wahrscheinlich haben sich bei Ihnen folgende Dinge abgespielt: Ihre damaligen Brillengläser wiesen tatsächlich eine geringe Dezentrierung auf, die die nur latent bereits vorhandene Neigung zu einer geringen Schielstellung (vielleicht nur 1 oder 2 Grad oder weniger) durch die entstehende prismatische Wirkung ausglich. Sie gehören sicher zu der unter 1 genannten Gruppe, bei der diese geringe Schielneigung (Phorie) mit herkömmlichen Mitteln nicht nachgewiesen werden kann. Dadurch, daß Sie dann jahrelang keine Brille getragen haben und das schlechte Sehen in Kauf genommen haben, kann sich die Phorie noch verstärkt haben, weil das beidäugige Sehen mit der schlechten Sehschärfe einfach nicht besonders gut klappt. Wenn Sie jetzt eine Brille mit eigentlich richtigen Werten aufsetzten, klappt das beidäugige Sehen sofort wieder besser. Aber um beide Augen wirklich parallel zu bekommen muß der oben beschriebene Kompensationsmechanismus einsetzen, der zu Kopfschmerzen führt. All das vollzieht sich wahrscheinlich, ohne daß jemals auch nur eine deutliche Neigung zum Schielen sichtbar wird. Daher auch die bisher vergeblichen Untersuchungen.

Sie sind übrigens nicht die einzige Patientin mit solchen Beschwerden. Fast alle haben eine ziemliche Odyssee hinter sich. Manchen wurde schon eine psychiatrische Behandlung empfohlen. Mir ist es nicht möglich, Ihnen von hieraus eine Handlungsanweisung für Ihren örtlichen Augenarzt zu geben. Ich möchte Ihnen daher empfehlen, nach Kiel zu uns in die Praxis zu kommen.

Mit freundlichen Grüßen und den besten Wünschen für das neue Jahr
Ihr
W. Happe


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